Fit for Fun, 5/2001, S. 169-174
Unverschämt gut drauf

Verdreht. Es gibt so Tage, an denen ist das einzig Verlässliche die Kontinuität der Katastrophen. Wecker nicht gehört, verschlafen, saure Milch in den Kaffee gekippt, Schlüssel nicht gefunden, wichtige Bürounterlagen zu Hause vergessen. Der Himmel könnte blauer sein, der Busfahrer freundlicher, und wieso springt die Ampel eigentlich nur im Halbstundentakt auf Grün? Stopp. Pause. Jetzt sofort tief durchatmen und lachen. Ja, lachen! Am besten mit lauten Geräuschen, die Zähne gefletscht, die Augen zusammengekniffen. Bis der Body bebt und die Tränen fließen. Wie, das können Sie nicht? Dann strengen Sie sich mal ein bisschen an. Gute Laune kriegt man schließlich nicht geschenkt.

Von Cornelia Brammen

Jeder Mensch kann lachen. Auch gehörlose und stumme Menschen. Sie prusten, biegen sich und formen rasselnde, kehlige Laute. Das Tier in uns hat diese Form des archaischen Gefühlsausbruchs ins Hier und jetzt gerettet. Aber: Wir lachen einfach nicht genug. Kinder schütteln sich bis zu 400 Mal am Tag hemmungslos vor Vergnügen - Erwachsene noch gerade 20 Mal. »Ein Jammer«, findet Lachforscher Michael Titze: »Wir sind viel zu verkopft, deshalb bleibt uns das Lachen im Halse stecken. Wir ärgern uns und verkrampfen, anstatt die schlechte Laune wegzulachen.«

Lachen ist Sport, Seelenmassage und Aphrodisiakum. Es sorgt für bessere Durchblutung, lockere Muskeln, freie Atmung und einen tiptop Endorphin-Ausstoß im Gehirn. Lachen verleiht Flügel, wer lacht, springt auf die Sonnenseite des Lebens. Der Superkick. Bloß: Wie setzt man diese Wunderdroge mit den fantastischen Nebenwirkungen frei?

Baggertrieb. Automatisch funktioniert das bei Verliebten. Denn Lachen ist eine unserer schärfsten Waffen im Balzkampf. »Beste Chancen auf eine erfolgreiche Verbindung haben Paare, bei denen er sie vom ersten Treffen an zum Lachen bringt«, sagt der amerikanische Verhaltenspsychologe Robert R. Provine. Seit dreißig Jahren beobachtet er lachende Menschen im Dienst der Wissenschaft (»Laughter. A Scientific Investigation«, Faber & Faber, London) und belegt, was wir ja immer schon ein bisschen geahnt haben: Frauen lachen mehr als Männer! Sogar 120mal mehr, wenn sie auf einen Kerl treffen, der ihnen gefällt. Hat die Natur prima eingefädelt. Denn Mann fährt total darauf ab, wenn er eine Frau zum Lachen bringt. Und Frauen stehen auf Typen, die ihr Zwerchfell kitzeln. Lacht dagegen nur er, womöglich auch noch laut, läuft die Sache nicht so toll.

Lachexperte Provine bestätigt auch, dass in puncto Ablachen Männer sowieso am besten miteinander können. Irgendwie bricht da der Steinzeitkumpel durch, der nach erfolgreicher Jagd Stress und Todesangst durch tierisches Gelächter abreagieren musste. Richtige Kerle

dröhnen, schlagen sich auf die Schulter, holen die Eruption aus tiefsten Bauchregionen. »Männliches Lachen hat etwas Grausames, Gefährliches, Unverschämtes«, so Lachforscher Titze. »Sie setzen es ein, um Dominanz auszuspielen.« Mädels in Gruppen dagegen kichern, quieken, lachen hinter vorgehaltener Hand und eher unterdrückt.

Lachordnung. Über dies zementiert Lachen Hierarchien. Chefs machen selten Witze - und wenn, darf/muss die Truppe brav sekundieren. Ansonsten bleibt der große Meister meist schmallippig Herr der Lage (Ausnahmen bestätigen die Regel) und hat Erfolg damit! »Denn«, so Provine, »wer zu viel lacht, dem wird oft die Fähigkeit abgesprochen, eine Führungsposition auszufüllen.«

Arme Wirtschaft. Lauter verkrampfte, schlecht durchblutete Manager, die zum Lachen in den Keller gehen. »Sie haben Angst vor Kontrollverlust«, so Lachforscher Titze. »Lachen ist ansteckend, und nichts ist schwerer zu kontrollieren als eine Runde hemmungslos lachender Menschen.« Wer von Herzen lacht, also ohne Kontrolle durch den Verstand, ist frei und ohne falsche Scham - eben einfach unverschämt.

Humor im Club. Gut, wenn die Stimmungskanone automatisch arbeitet. Und wenn nicht? Dann hilft Dr. Madan Kataria. Der indische Arzt hat vor fünf Jahren eine Welle des Lachens ausgelöst. Damals hatte er die Idee, jeden Morgen in einem Park in Bombay mit Freunden und Fremden zu lachen. Nicht auf Kommando, aber nach einem festen Schema aus Atmung, Yoga, rhythmischem Klatschen und lauten »Haha-« und »Hohoho«-Schreien. Die Gaudi dauerte bis zu einer halben Stunde, und am Ende waren alle schön locker, gut gelaunt und voller Energie für den Tag. Inzwischen gibt es Lachclubs auf allen Kontinenten. Ohne Mitgliedsbeiträge, Satzung oder Kassenwart; offen für jeden, der Lust hat, gut drauf zu sein.

Spaß-Knast. Die Methode klappt sogar bei Zwangsbeglückung. Im indischen Jalagoan-Gefängnis, zwei Stunden entfernt von Bombay, treten die Häftlinge jeden Morgen zum Lach-Appell an: Dreißig Minuten Hormone pumpen. Der Effekt: Das Gewaltpotenzial hat sich deutlich verringert, die Stimmung ist einfach besser. Auch hier in Deutschland arbeiten inzwischen Lachtherapeuten im Strafvollzug.

Für alle, die auf der Stelle ihre Laune verbessern wollen, hier eine Methode, die nach zwanzig, Minuten garantiert zu rauschhaftem Lachen führt: Einen Bleistift quer zwischen die Zähne legen und zubeißen; Mund ist geöffnet. So bleiben. Dauerhaft schlecht gelaunte Probanden müssen mit Zuckungen der Gesichtsmuskulatur rechnen. Bitte durchhalten, ruhig atmen und an lustige Dinge denken. Na, rollt schon ein Kichern an? Vibriert das Zwerchfell? Es wird klappen. Nur nicht zu viel denken, sondern die Natur arbeiten lassen. Macht aber in der Gruppe natürlich viel mehr Spaß. Am besten beim Weltlachtag am 6. Mai in Kopenhagen. Kein Witz: Da ist kollektives Ablachen angesagt. Mitten auf dem Rathausplatz. Ab 14 Uhr. Mit Open End. Also viel Spaß!